Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier,
wir stehen wieder am Beginn der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf
Ostern. Das Evangelium des ersten Fastensonntags erzählt davon, dass der
Geist Gottes Jesus vor Beginn seines öffentlichen Wirkens in die Wüste
treibt, wo er vom Satan in Versuchung geführt wird. Vielleicht hören wir
das Evangelium über die Versuchung Jesu dieses Mal mit einer besonderen
Aufmerksamkeit. Denn seitdem Papst Franziskus sich bei einem
italienischen Fernsehsender zur sechsten Bitte des Vaterunsers geäußert
hat, wird darüber diskutiert, wie diese Gebetsbitte Jesu zu verstehen
ist.
Während wir im Deutschen, aber z. B. auch im Englischen und im Italienischen beten:
„und führe uns nicht in Versuchung“, zieht der Papst die Formulierung vor:
„und lass uns nicht in Versuchung geraten“.
Sie entspräche mehr dem Gott, den Jesus Christus verkündet hat, so der
Papst. Angeregt durch diese Diskussion haben mich in den letzten Wochen
eine Reihe von Mails und Briefen erreicht, in denen Menschen mir zum
Teil sehr persönlich von ihrer Gebetserfahrung und von ihrem Gottesbild
berichtet haben. Einige teilen die Ansicht des Papstes, die Bitte
umzuformulieren, und so die Barmherzigkeit Gottes herauszustellen, zu
dem es nicht passe, dass er die Menschen in Versuchung führt. Andere
wiederum baten, mich dafür einzusetzen, dass diese Bitte nur ja nicht
verändert und das Vaterunser leichtfertig „geglättet“ werde. Auch aus
ökumenischer Sicht ist diese Frage gut zu bedenken, beten wir doch im
Deutschen über die Konfessionsgrenzen hinweg mit denselben Worten.
„Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat“, so lautet
eine der Gebetseinladungen zum Vaterunser, die unser Messbuch vorsieht.
Durch diese Formulierung wird das Gebet in besonderer Weise an den
Wortlaut Jesu zurückgebunden. Schauen wir also auf diesen Wortlaut, wie
er uns von Matthäus und Lukas in ihren Evangelien überliefert ist.
Obwohl beide griechischen Textfassungen des Vaterunsers sich in manchem
unterscheiden, benutzen sie bei dieser Bitte dieselben Formulierungen.
Das entscheidende Wort, das sie verwenden, heißt auf Deutsch:
„hineintragen“, „hineinbringen“. Damit ist eindeutig, dass es hier nicht
um eine Sache geht, in die ich wie zufällig hineingerate, sondern um
eine Situation, in die ich hineingeführt werde.
„Und führe uns nicht in Versuchung“ ist
die getreue Übersetzung des griechischen Originals. Und da diese
Wendung auf die älteste Sammlung von Jesusworten zurückgeht, dürfen wir
annehmen, dass sie das wiedergibt, was auch das Aramäische, die
Muttersprache Jesu, ausdrücken wollte*. Sicher, eine Übersetzung stößt
immer an Grenzen. Sie ist in einem gewissen Sinn immer schon eine
Interpretation. Darum ist es wichtig, den Zusammenhang zu betrachten, in
dem Jesus diese Bitte gesprochen hat.
* Vgl. Thomas SÖDING: Vaterunser und Versuchung, in: Christ in der Gegenwart 33/2017, 365.)
Wie Jesus selbst ist auch das Vaterunser verbunden mit der
Glaubenserfahrung des Volkes Israel. Wir finden sie in den Schriften des
Alten Testaments. Dort ist an vielen Stellen davon die Rede, dass Gott
seine Frommen auf die Probe stellt. Schon Adam und Eva wird der Baum der
Erkenntnis, von dem sie nicht essen dürfen, buchstäblich vor die Nase
gepflanzt. Sie können der Versuchung nicht widerstehen und werden zur
Strafe aus dem Paradies vertrieben. Denken wir an Abraham, der in seinem
Gehorsam erprobt wird, indem er seinen einzigen Sohn opfern soll. Oder
an Hiob, der sein Vertrauen zu Gott nicht aufkündigt, obwohl ihm alles
genommen wird. Hier wird die Versuchung sogar positiv gesehen: Sie
stärkt das Vertrauen in Gott, indem sie den Menschen vor
Herausforderungen stellt, in denen er sich im Glauben bewähren und
reifen kann.
Vielleicht kennen Sie, liebe Schwestern und Brüder, solche
Situationen der Erprobung aus Ihrem eigenen Leben. Damit meine ich
Herausforderungen oder Krisen, an denen Sie letztendlich gewachsen und
reifer geworden sind. Wenn der Psalmist beten kann:
„Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich. Prüfe mich auf Herz und Nieren“ (Ps 26,2), dann legt er es förmlich darauf an, versucht zu werden, um sich im Glauben bewähren zu dürfen.
Können wir Gott gegenüber eine solche Selbstsicherheit haben? Der
Begriff der Versuchung ist für uns doch eindeutig negativ belegt. Wer in
Versuchung geführt wird, der wird vom Guten abgebracht und zum Bösen
verführt. Papst Franziskus hat Recht, wenn er sagt, dass Gott so etwas
nicht tut. Gott spielt nicht mit dem Menschen. Gott will den Menschen
nicht zum Bösen verführen. Aber wenn Gott der Allmächtige ist, dann sind
auch die Situationen der Versuchung im Tiefsten von ihm mitgetragen.
Wie das geht, ist für uns letztlich ein Geheimnis. Deshalb erinnert uns
die sechste Vaterunser-Bitte auch daran, dass Gott all unser
menschliches Verstehen übersteigt.
„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege“, heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 55,8).
Und Menschen fragen sich ja, ob die schlimme Lebenssituation, in der
sie stecken, ursächlich mit Gott zusammenhängt oder warum er sie denn
zugelassen hat.
Jesus selbst hat diese Erfahrung der Prüfung im Garten Getsemani durchgemacht. Deshalb kann der Hebräerbrief von Jesus sagen:
Er ist „in allem wie wir in Versuchung geführt worden“ (Hebr 4,15).
Versuchung ist die Gefahr, aufgrund von Not, Krankheit, Einsamkeit,
Verzweiflung und Todesangst an allem irre zu werden, was mir bisher im
Leben Halt gegeben hat: an meinem Glauben, meiner Hoffnung, meiner
Liebe. Jesus kennt diese existenzielle Herausforderung, in der ein
ganzes Leben zu scheitern droht. Wer betet: „und führe uns
nicht in
Versuchung“, der bittet darum, an Gott nicht irre zu werden. Damit aber
bringt er zugleich sein Vertrauen zu Gott zum Ausdruck: Er traut Gott
zu, ihn zu bewahren. Darum nennt er ihn auch Vater.
In eine solche Situation treibt der Geist Jesus am Beginn seines
öffentlichen Wirkens. In der Wüste soll Jesus sich seines Auftrags
gewiss werden; er soll sich entscheiden. Anders als die Evangelisten
Matthäus und Lukas erzählt Markus nicht, wie Jesus der Versuchung durch
den Satan widerstanden hat. Aber das erste Wort aus Jesu Mund macht
deutlich, wie er sich entschieden hat:
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).
Das ist die Kernbotschaft des Evangeliums. Mit Jesus bricht dieses
Reich Gottes in der Welt an. Und wie geschieht das? Indem Jesus sich den
Armen zuwendet, den Schwachen, den Sündern, denen also, die durch ihre
Lebenssituation besonders in der Gefahr stehen, an Gott zu verzweifeln.
Jesus heilt. Er vergibt Sünden. Er treibt Dämonen aus. Damit zeigt er,
dass Gottes Macht stärker ist als das Böse. Und doch gibt es in unserer
Welt bis heute immer noch genügend Situationen der Versuchung: Krieg,
Terror, Hunger, Leid, aber auch persönliche Enttäuschungen, Krisen und
Rückschläge, an denen man irrewerden kann. Das Reich Gottes ist bis
heute nicht vollendet. Deshalb beten wir immer noch um sein Kommen.
Der ärgste Prüfstein des Glaubens aber ist das Kreuz. Es ist Grund genug, an Gottes Macht und Gegenwart zu zweifeln.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“,
so ruft Jesus am Kreuz (Mt 27,46). Gerade dadurch aber ist das Kreuz
für uns zugleich das Zeichen der Hoffnung. Denn Jesus ist nicht an Gott
irregeworden, auch wenn sein Gebet im Sterben ein Gebet der Klage ist.
Aber Jesus hat der Versuchung widerstanden, sich in der Situation der
größten Prüfung von Gott abzuwenden. Das hat er nicht nur für sich
getan, sondern stellvertretend für all jene, die dazu nicht die Kraft
haben. So ist Gott noch in den Abgründen unseres Lebens da und lässt
sich finden als Heiland und Erlöser.
Liebe Schwestern und Brüder! Das Osterfest, auf das wir zugehen, ruft
uns jedes Jahr neu unsere Taufe in Erinnerung. In der Feier der
Osternacht werden wir dem Bösen widersagen, unseren Glauben an Gott
bekennen und dann mit dem neu geweihten Taufwasser besprengt werden. Der
heilige Cyprian von Karthago († 258) interpretiert das Vaterunser von
der Taufe her. Er sagt: „Der neue, wiedergeborene … Mensch sagt zu Gott
als erstes: ‚
Vater’, weil er bereits angefangen hat, sein Sohn [und seine Tochter] zu sein.“
(Domin. or. 9).
Das ist die Entscheidung, die uns in diesen 40 Tagen der Fastenzeit
abverlangt wird: der Versuchung zum Bösen zu widerstehen und uns für
Gott, unseren Vater, zu entscheiden. Wir können es. Denn durch die Taufe
haben wir bereits angefangen, Kinder Gottes zu sein.
Ich lade Sie ein, die Wochen der Vorbereitung auf Ostern als eine
Zeit des Gebetes zu nutzen und im Glauben zu wachsen. Das Vaterunser mit
seinen einzelnen Bitten kann uns dazu ein guter Leitfaden sein. Von
Frère Roger Schutz, dem Gründer der Gemeinschaft von Taizé, stammt das
schöne Wort: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn
es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ Wenn wir diesem Rat folgen, dann
wächst das Reich Gottes in dieser Welt und mit ihm die Kraft, der
Versuchung zu widerstehen.
Dazu segne Sie alle der dreifaltige Gott,
† der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Ihr Bischof
+ Stephan